Am Sonntagmorgen besuchte mich Jasmina.
Sie hatte Frühstück mitgebracht, bestehend aus einem Berliner
und einem Burak.
Ich konnte mich gar nicht oft genug für die Gastfreundschaft
bedanken, doch sie
erwiderte immer wieder dass sie es doch wäre die so dankbar sei,
denn
schließlich sei ich doch ihr Gast! Für heute hatte ich noch
immer kein Spiel
gefunden. Selbst die Terminierung der ersten Liga, also auch das
gestrige Spiel
bei Željezničar, wurde erst in dieser Woche Mittwoch bekannt gegeben.
Die
Tatsache dass das Spiel so spät und somit auf jeden Fall eine
weitere
Übernachtung in Sarajevo notwendig war, ließ mir aufgrund
der nicht
zufriedenstellenden Busverbindung heute keine großen
Freiräume für irgendwelche
Erstligaspiele. Mein Plan sah vor mir früh am Morgen eine Zeitung
zu kaufen,
dort eine Ansetzung zu entnehmen um dann ein Zweit- oder Drittligaspiel
in BiH
zu besuchen. Gesagt getan, ich kaufte mir die Zeitung, aber da war
nichts.
Absolut keine Info zu irgendeinem Spiel am heutigen Tag! Die
Zweitligaspiele
waren allesamt gestern und bei der dritten Liga und tiefer war auch
unklar ob
die Spiele nun schon gestern waren oder heute stattfinden würden.
Aber laut der Ausgabe von
Freitag sollte
es irgendwann heute zu einem Jugendspiel bei Slavija im serbischen Teil
der
Stadt, genau genommen in der zur Republik Srpska gehörenden
eigenständigen
Stadt Istočno Sarajevo (Ost-Sarajevo) kommen. Aus der Abenteuerlust
heraus nahm
ich mir vor, die gut 5-6 km dorthin zu Fuß zurückzulegen. So
schwer könne das
doch nicht sein, dachte ich mir. Ich durchquerte Grbavica und
kämpfte mich einen
kleinen besiedelten Berg hinauf, welcher es aber mit gut 40% Steigung
durchaus
in sich hatte. Von dort oben gab es eine herrliche Sicht auf die
anderen bis zu
2.000 Meter hohen Berge. Aber schon bald musste ich feststellen dass
ich den
falschen Weg gewählt hatte. Der auserkorene Weg, welcher mich
schnurstracks
nach Lukavica führen sollte, entpuppte sich hinter dem besiedelten
Gebiet als
unbefestigter kleiner Waldweg. Minengefahr! Ich entschloss mich wieder
zurückzukehrend und musste schweren Herzens einsehen, dass mein
Plan
gescheitert war. Nun griff Plan B, welcher doch immer noch der
einfachste war.
Taxi! Nach dem meine Brieftasche um 8 Mark erleichtert wurde, stand ich
nun vor
dem Stadion deren Teams, welches ich gestern Abend noch Auswärts
habe spielen
sehen. Eine halbüberdachte Haupttribüne, zwei steile
Stehplatzränge auf den
Hintertorseiten und ein paar Stufen auf der Gegengerade. Alles in Einem
sehr
schick, doch am besten gefiel das herrliche Panorama auf die Berge! Es
war
mittlerweile 12 Uhr und ich fragte jemanden am Stadion ob hier denn
heute wohl
ein Spiel stattfinden würde. Ja sollte es, um 13 Uhr käme es
zu einem
Juniorenspiel. Jawohl! Es entwickelte sich ein nettes Spiel. Ich genoss
die
Sonne, blickte hin- und wieder rauf auf die Berge und ließ es mir
mit meinem
mitgebrachten Burak von heute früh gut gehen.
Ob
es an diesem Tag noch ein zweites Spiel geben sollte, das war noch
nicht klar.
Aber in der Zeitung war zu lesen, dass es vielleicht gestern,
vielleicht aber
auch heute ein Spiel im nahegelegenen Hipodrom Butmir geben würde.
Sofort nach
Spielende suchte ich mir in den staubigen Straßen des komplett
mit kyrillischen
Schildern und serbischer Fahne ausgestatteten Örtchens
Lukavica ein Taxi
und beorderte es zu den Fußballplätzen im Hipodrom Butmir.
Aber ich hatte einen
Zonk gezogen. Weder ein erwähnenswerter Ausbau, noch ein Spiel
fand ich vor!
Alternativen gab es auch nicht mehr. Die Stadt Meppen hat
wahrscheinlich drei
Mal mehr Sportplätze als ganz Sarajevo, die Auswahl daher mehr als
begrenzt.
Ich stieg gar nicht erst aus dem Taxi aus und ließ mich
zurück ins Zentrum
bringen. Der Taxifahrer sprach nur bosnisch, aber er freute sich als er
bemerkte woher ich kam: „Ahhh, Deutschland!“. Immer wieder versuchte er
nebenbei das Handschuhfach zusammen zu flicken, er hatte die Klappe mit
Klebestreifen fixiert. Ich glaube er versuchte mir klar zu machen dass
dort
allerhand Alkohol drin sei, welches rausfallen würde wenn die
Klappe aufgeht.
Vielleicht hätte ich nun noch das Erstligaspiel von Olimpia
Sarajevo besuchen
sollen, doch ich hätte es bis zum Anstoß wahrscheinlich
nicht geschafft, und es
wäre nur eine Groundbestätigung gewesen. Erst heute früh
laß ich in der
Tageszeitung „Dnevni avaz“ dass der Verein aufgrund des Umbaus des Stadion
Otoka (von dem ich mir allerdings selbst überzeugen konnte
dass
mit dem Umbau
noch gar nicht begonnen wurde, aber als Erstligatauglich ist der Ground
auch
nicht einzustufen) nicht wie überall verbreitet ins Stadion
Grbavica ausweicht,
sondern ins große Stadion in Koševo. Hätte ich das doch
bloß gestern schon
gewusst, ich hätte auf das Damenspiel verzichtet, mir stattdessen
ein
Zweitligaspiel angesehen, und hätte das Stadion dafür dann
heute besucht. So
aber blieb es bei der bitteren Tatsache dass es heute leider nur zu
einem
B-Junioren-Spiel reichte. Zufrieden konnte ich damit bestimmt nicht
sein, aber
gerade in Ländern wie Bosnien-Herzegowina lässt sich nun mal
längst nicht alles
planen.
Ich
vertrieb mir den restlichen Tag, genoss die Sonne, und schaute dem
Treiben auf
den Straßen zu. Früh ging ich zurück ins Hostel, wo im
Fernsehen einige
Fußballspiele liefen. Den Sonntagabend verbrachte ich dort
alleine. Am Montag
sollte ich dann ein letztes Mal in Sarajevo aufwachen. Um 11 Uhr wollte
Jasmina
da sein, aber ich ging vorher noch kurz ins Zentrum.
Frühstücken, die Bordkarte
für den morgigen Flug im Internet ausdrucken und noch ein kleines
Präsent
kaufen, das war mein Vorhaben. Ich kaufte Blumen, ließ sie nett
einpacken und
überreichte sie Jasmina, als sie dann ins Hostel kam um mich zu
verabschieden.
Ich war es ihr einfach schuldig, so gastfreundlich und
liebenswürdig war sie
während der letzten vier Tage. Sie freute sich sehr darüber,
bedankte sich
inständig und griff sofort zum Telefon um es freudestrahlend ihrem
Mann zu
erzählen. Nun entschuldigte sie sich kurz und verschwand zur
Tür hinaus, denn
ihr Mann in der benachbarten Wohnung wollte die Blumen sehen. Auch von
ihr
erhielt ich eine Kleinigkeit zur Verabschiedung. Ein kleines
Fläschen
Hochprozentigen und eine Tafel Schokolade, beides natürlich
typisch bosnisch!
Mit dem Versprechen mich zu melden verabschiedete ich mich. Schnell
doch
tauschte ich meine letzten 20 Mark bei der Post am Bahnhof zurück
in Euro. Ich
erhielt einen roten Papierfetzen mit einer 10 darauf, welcher so aussah
als
hätte er bereits fünf Schleudergänge einer Waschmaschine
hinter sich gehabt. Am
nächsten Tag sollte sich noch sehr ein McDonalds Mitarbeiter
nähe des
Flughafens in Holzwickede darüber wundern! Um 12:30 Uhr
verließ der Reisebus
den Autobusni Kolodovar Sarajevo Richtung Kroatien. Eine Reservierung
hierfür
musste ich mir trotz eines Retour-Tickets am Vortag holen. Wieder
erlebte ich
eine Reise durch die herrlichen Berglandschaften Bosniens. Der Bus war
nur
spärlich besetzt. Zwei Mal sprach mich ein Mitreisender mittleren
Alters an,
welcher mir am nächsten saß. Ich zuckte mit den Schultern
und versuchte ihm in
Englisch verständlich zu machen dass ich seine Sprache nicht
sprechen würde.
Aber er verstand weder Englisch, noch Deutsch. Er versuchte sich mit
Hand und
Fuß und kroatischen Wörtern verständlich zu machen und
irgendwann haben wir uns
dann verstanden. Ich gab ihm zu verstehen dass ich Fußballspiele
in Zagreb und
Sarajevo besucht habe und er machte mir klar dass er ein in Zagreb
lebender
Hajduk-Fan sei. Er präsentierte mir stolz ein Bild des brennenden
Gästeblocks
von letzter Woche. Nun zückte auch ich meine Kamera und zeigte ihm
dort meine
eigenen Bilder vom Bengalenmeer der Torcida Split. Das fand er
natürlich
Weltklasse und hielt seine Hand zum einschlagen bereit. Wir
gestikulierten viel
über Fußball und ich gab ihm meine Enttäuschung
über die WM 1998 zu verstehen,
als Deutschland den Kroaten im Viertelfinale mit 0-3 unterlag.
Njemačka,
Hrvatska, World Cup und Suker sagte ich, und schlug dabei die
Hände vors
Gesicht. Natürlich verstand er, und er lachte und war wiederum
stolz! Während
einer Fahrtpause lud er mich dann zu einem Bier ein und ich sagte artig
Hvala! Nun
bekam eine Frau am Tisch nebenan mit dass ich aus Deutschland kam und
fragte
mich auf gutem Deutsch woher ich käme und was ich hier so machen
würde. Ich
ließ sie erstmal einige Sachen gegenüber dem Hajduk-Fan
(dessen Name ich leider
nicht mehr wiedergeben kann) übersetzen und unterhielt mich auf
der Fahrt dann
noch etwas mit ihr. Nach Ausbruch des Krieges 1992 sei sie von Bosnien
nach
Deutschland geflohen, mittlerweile aber in Zagreb leben. Sie war
für drei Jahre
in Mannheim und hatte dort schwarz gearbeitet. Wenn Kroatien in die EU
kommen
würde, würde sie sofort wieder rüber nach Deutschland
gehen! Hmmm! Am
Busbahnhof in Zagreb verabschiedete ich mich von meinen beiden
Mitreisenden.
Und wieder bekam jemand mit wie ich bei dieser Verabschiedung deutsch
sprach.
Es war ein deutsch sprechender Kosovo-Albaner, welcher hier zu Besuch
in Zagreb
war. Wir unterhielten uns während wir gemeinsam mit der Tram
fuhren und wir
tauschten Kontaktdaten aus. Ich wäre herzlich eingeladen bei ihm
und seiner
Familie unterzukommen wenn ich Mal im Kosovo sei. Durchaus
möglich, denn der
Länderpunkt Kosovo fehlt mir noch! Bald war ich wieder im Hostel
Hobo Bear, wo
ich ja bereits vergangene Woche zwei Nächte verbracht hatte. Ich
hatte ein
4-Bett-Dorm gebucht und bekam ein Zimmer für mich alleine! Unter
ungarischer
Flagge von Wizzair hob am nächsten Morgen der Flieger Richtung
Dortmund ab. Nun
noch eine kleine Bahn- und eine kleine Busfahrt und mein Zuhause hatte
mich
wieder.
Es
war eine beeindruckende Reise von der ich viele Eindrücke und
Erinnerungen
mitgebracht habe. Auch wenn die Spielausbeute letztlich eher mager
ausfiel, ich
hatte viel von Land und Leuten gesehen und allerhand Gastfreundschaft
erfahren.
Vielleicht werde ich ja irgendwann noch einmal hierher kommen. Es
hat Spaß gemacht, alleine nach Sarajevo.