|
Ich
hatte die Wahl zwischen ausschlafen und Mittagessen oder aber früh
los um den eigenen kulturellen Horizont in Sachen Bundeshauptstadt noch
ein wenig zu erweitern. Aber nee, nix erweitern, ein Besuch am
wunderschönen Prenzlauer Berg bei Sonnenuntergang sollte
vollkommen ausreichen. Die Hertha-Amateure sollten hier heute Abend zum
Auftakt der Regionalligasaison auf den Halleschen FC treffen. Das Spiel
wurde als Risikospiel eingestuft und aus "Sicherheitsgründen" vom
Amateurstadion in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark verlegt. Dies
weitläufige Leichtathletikstadion wurde 1952 erbaut und
beheimatete ab 1953 zunächst den DDR-Oberligisten Vorwärts
Berlin. Als der Verein 1971 jedoch nach Frankfurt (Oder) delegiert
wurde, übernahm der BFC Dynamo das Stadion als Heimat und feierte
dort zwischen 1972 und 1992 gleich neun Mal die DDR-Meisterschaft, ehe
man ins Sportforum Hohenschönhausen zurück kehrte. Die
DDR-Auswahl bestritt hier zehn Mal einen internationalen Vergleich.
1986-87 wurde das Stadion komplett saniert und erhielt die heutige
Haupttribüne, bei der nächsten Sanierung im Jahr 1998 erhielt
es seine charakteristischen bunten Sitzschalen. Diese 19.708
Sitzschalen zieren nun also das Stadionoval, welches auch aufgrund
seiner großen Fliegenklatschen-Flutlichter ebenso irgendwo in
Osteuropa stehen könnte. Überdacht ist neben der
Haupttribüne auch die Gegengerade, so dass nur die Kurven und die
Bereiche neben der Haupttribüne unüberdacht bleiben. Unterm
Strich ein Stadion mit enormen Charakter! Das Spiel sollte um 19 Uhr
beginnen, aber da das Gästeteams durch einen Stau verspätet
ankam wurde der Anstoß ein wenig nach hinten verlegt. Offiziell
kamen 424 Zuschauer plus Dauerkartenbesitzer, so dass es letztlich gut
550-600 gewesen sein dürften, wovon knapp 250 den Gästen die
Daumen gedrückt haben. Das Spiel wurde mit fortschreitenden
Spielverlauf immer ansehnlicher. Halle ging nach 37 Minuten mit 0-1 in
Führung, ehe Herthas Rückkehrer "Zecke" Neuendorf kurz vor
dem Seitenwechsel zum Ausgleich traf. Dann nach einer Stunde ging der
HFC erneut in Führung und Herthas U23 glich ebenfalls erneut aus.
Es folgte ein offener Schlagabtausch der beiden Teams mit zahlreichen
Torchancen auf beiden Seiten! Zur Schlussphase schlossen sich dann auch
einige Heimfans auf der Haupttribüne zusammen für ein paar
Schlachtrufe ala "Hi-Ha-Höre Hertha Amateure". Die Hallenser Fans
waren öfters mal zu hören, ohne jedoch dabei absolut zu
überzeugen. Für das Ende dieser letztlich recht spannenden
Partie sorgte Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Sie durfte sich heute
so einige anhören! Nach einer strittigen Entscheidung hagelte es
von der Tribüne nur so von Beschimpfungen. "Hu...!", "Fo...!",
"Schl...!", alles war dabei! Sogar meine Sitznachbarn, welche sich kurz
vorher noch stark über eine Gruppe Fans echauffrierten, die
Unkenrufe bei einem dunkelhäutigen Spieler machten, waren vollens
dabei! Nach Spielende gab es noch eine kleine Boxerei zwischen
einzelnen Heim- und Gästeanhängern, bevor anstürmende
grüne Gestalten mit Elan auf sie drauf sprangen und wie in der
Tierwelt nicht mehr so schnell wieder wegließen. Nach einigen
Minuten in der S-Bahn fand ich mich am Bahnhof Gesundbrunnen wieder, wo
um kurz nach Zehn der CityNightLine nach Mannheim auf seine Abfahrt
wartete. Ein Zuschlag von 10 € bedeutete für mich eine Nacht im
Ruhrsessel.
|