17.
Oktober 2010
Sonntag, 18:00 Uhr OEZ
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Virslīga
(1. Liga Lettland)
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300
Zuschauer
(5 Gäste)
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Daugavas stadionas (5.083)
Piejūras parks 3
3401 Liepāja
Lettland (Kurzeme)
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Das
Daugava-Stadion des aktuellen lettischen Meisters Liepājas Metalurgs
wurde pünktlich erreicht. Für zwei läppische Letten-Lati
(drei Euro) erhielten wir Eintritt, nicht jedoch ohne vorher noch von
einem heimischen Supporter angesprochen zu werden, welcher wohl auf der
Suche nach gegnerischen Fans war, diese aber wohl von vier
geistesgestörten deutschen Groundhoppern nicht unterscheiden
konnte. Das weitläufige Leichtathletikstadion bietet eine
Haupttribüne, dessen knapp 3.000 Sitzschalen von einem
wellenförmigen Konstruktion überdacht werden. Zudem werden
unüberdachte Sitzschalen auf der Gegengerade, eine digitale
Anzeigetafel und ein markantes Flutlichtquartett geboten. Trainer beim
aktuellen Tabellendritten ist kein geringerer als der Gelsenkirchener
Rüdiger „Abi“ Abramczik, welcher es Ende der 70er Jahre immerhin
auf 19 A-Länderspiele für die DFB-Elf brachte. Und dieser
hatte heute allen Grund zufrieden zu sein. Immerhin schenkte sein Team
dem Gast aus der Hauptstadt ganze acht Tore ein, und das obwohl der
Torhüter von Jaunība aufgrund seiner Leistung nach 70 Spielminuten
und beim Stand von 5-0 ausgewechselt wurde. Sein Ersatz allerdings
machte es nicht besser und musste nur zwei Minuten nach seiner
Einwechslung hinter sich greifen und innerhalb von nur wenigen Minuten
auch ein zweites und drittes Mal. Zweistellig sollte es heute leider
nicht mehr werden. Eine kleine Gruppe Heimfans wedelte während des
Spiels immer mal wieder ein wenig mit ihren Fähnchen und gab leise
ein paar Gesänge von sich. Richtige Euphorie kam im Stadion
allerdings selbst bei diesem 8-0 Sieg nicht auf. Da hätte das
Spiel auch genauso gut 1-1 ausgehen können, die Stimmung unter den
Zuschauern wäre wahrscheinlich gleich gewesen.
Nach Spielende wurde es dann so richtig interessant. Wir setzten uns
wieder ins Auto, fuhren davon, und fanden uns ein wenig später
in einer Gefängniszelle wieder! "Ach du heilige Scheiße, wie
haben die das denn nun geschafft?" fragt sich jetzt bestimmt der
neugierige Leser. Die Antwort ist ganz einfach: Ich habs bei
Hostelworld gebucht! Das Karosta
Prison wurde circa 1900 erbaut und
diente noch bis 1997 den Russen, Nazis und Sowjets als
Militärgefängnis. Es liegt im Stadtteil Karosta, zu deutsch
Kriegshafen. Karosta wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschaffen
und war einst eine geheime russische und sowjetische Militärstadt.
Damals lebten hier 25.000 Soldaten, heute sind es jedoch nur noch 7.000
Menschen, welche in dieser verfallenen Stadt ihr Dasein fristen. Und
so wirkt dieser Ort als total unwirkliches und befremdliches Gebiet,
welches wohl nicht zu unrecht des Öfteren mit Tschernobyl im
Vergleich steht. Über die breiten Panzerstraßen erreichten
wir eine
stockdunkle kleine Nebenstraße, wo bald die verschlossene
Eingangspforte zum
Gefängnis gefunden wurde. Niemand da? Nur ein kläffender
Köter in der Nachbarschaft war zu hören. Ein Anruf schuf dann
Abhilfe, denn ein paar Minuten später öffnete uns eine junge
Frau (hatte sich gar nicht vorgestellt, aber ich nenne sie einfach mal
Olga) die Pforte und bot uns an sich erst einmal die
Räumlichkeiten anzuschauen, bevor wir die Taschen holen und das
Auto parken sollten. Wie sich herausstellte waren wir heute die
einzigen Gäste und wie ich später erst bemerkte wird die
Unterkunft eigentlich nur bis Ende September eines jeden Jahres
angeboten. Niemand wäre so verrückt hier im Winter
hinzukommen, merkte die Olga in Englisch mit russischen (oder doch
lettischen) Akzent an, schließlich würde nicht geheizt. An
den Zellen hatte sich seit den letzten echten Insassen vor 13 Jahren
sicherlich
nichts verändert. Wir hatten die Wahl: Eine Zelle mit je zwei
Betten oder eine Zelle mit je zwei Holzpritschen auf dem Boden. Ja gut,
so ganz Hardcore sollte es dann doch nicht sein, aber auf die Nacht im
Gefängnis vollständig verzichten wollten wir auch nicht. So
entschieden wir uns ganz Nobel für die Bett-Variante und freuten
uns auf eine zwar recht ungemütlich werdende, aber auch ganz
spezielle
Nacht im Militärgefängnis. Wir holten unsere Sachen und
bekamen von unserer Olga eine Führung durch einen Teil des
Gebäudes sowie einigen Museumsräumen inklusive einer
Sowjetuniform und Gasmasken-Anprobe. Als sie uns dann alleine
ließ geisterten wir noch ein wenig durch die Gänge, die
Zellentüren wurden
ja netterweise nicht verriegelt. Dafür hätten wir wohl im
Sommer
kommen und die "Extreme Nacht" buchen müssen, bei der man eine
Nacht lang wie ein echter Gefangener behandelt wird inklusive
"körperlicher Züchtigung" und anderen Nettigkeiten, für
die man eigens eine Einverständniserklärung hätte
unterschreiben müssen. Mit jeweils drei Decken über uns
versuchten wir etwas Schlaf zu bekommen. Dabei durfte sich nicht viel
bewegt werden, ansonsten hing das Bettendraht gleich gefühlte 50
Zentimeter nach unten durch. Am nächsten Morgen wurden wir wie am
Vortag von der Olga gedroht um 06:30 Uhr aufgeweckt. Leider nicht mit
einer zärtlichen Stimme von Olga sondern mit einer brachial lauten
und stumpfen "Määääp määääp
määääp!"-Sirene. Ich glaub ich war noch nie so
schnell in
meinem Leben aus dem Bett hinaus! Mittlerweile war es in unseren Zellen
noch um einiges kälter als noch vor einigen Stunden. Da wunderte
es uns auch nicht dass wir nach draußen kamen und dort einen
vereisten Mietwagen vorfanden. Langsam verstand ich warum es unklug ist
hier außerhalb der Sommersaison zu buchen.
Der Rückflug war erst für den Dienstag gebucht, also galt es
noch den kompletten Montag herumzubringen. Ganz gelegen kam da das
Eishockeyspiel von Liepājas Metalurgs am Abend. Doch selbst bis dahin
musste noch die eine oder andere Stunde überbrückt werden.
Pünktlich um 07:30 Uhr erlebten wir die Ladenöffnung eines
Supermarktes in Liepāja und gammelten hier sowie im Laufe des Tages in drei
(!) weiteren
Shopping-Zentren die Zeit herunter. Zwischendurch kehrten wir
allerdings noch einmal nach Karosta zurück um uns einige
Sehenswürdigkeiten anzuschauen, am frühen morgen war es noch
zu dunkel hierfür. Auf dem Weg dorthin hatten wir nun unseren
zweiten Kontakt mit der Policija. Leider war sie diesmal mit einer
Messpistole ausgestattet. Fahrer emkal wurde mit 71 km/h in einer
50er-Zone gemessen. Oha! Niemand von uns verstand so recht den Sinn
dieser 50er-Zone, aber die fast halbstündige Warterei auf das
Geschreibsel der Beamten verschaffte uns kein gutes Gefühl auf
das, was ihnen wohl als Strafe einfallen würde. Letztlich sollten
"lediglich" 10 Lati (15 Euro) überwiesen werden, was uns noch vor
den Polizisten im Wagen sitzend zu einem Lachanfall hinreißen
ließ, hatte man doch weitaus schlimmeres befürchtet. Bald
waren wir dann wieder in Kriegshafen.
An der dortigen Ostseeküste erwartete uns ein Kilometerlanger
Strand mit unzähligen alten verfallenen Festungen aus Russlands
Zarenzeiten. Sehr beeindruckend das ganze! Um 18:30 Uhr hatten wir dann
unseren Termin in der Ledus
Halle. Das Eishockeyteam des HK Liepājas
Metalurgs traf auf den HK Gomel aus Weißrussland, und zwar in der
weißrussischen Extraliga! Liepaja nimmt hier neben den Falcons
Kiew als einziger ausländischer Gastverein teil. Wir waren etwas
früh dran und während emkal noch kurz weg war setzten
René, Schiedsrichter und ich uns noch auf eine Bank im Foyer der
Halle. Wie aus dem nichts tauchten nun die Cheerleader (richtige
Kurvenexemplare und nicht wie in Deutschland 12-jährige
Mädchen) auf und nahmen genau zwei Meter vor uns Stellung ein um
genau dort vor unseren Augen zu proben. Jeder von uns versuchte sich
inständig zusammen zu reissen um bloß nicht wie irgendwelche
Vorzeitprimaten auf bestimmte Körperregionen zu glotzen, was auch
mehr oder weniger gut klappte. Emkal aber schien sich gut was gedacht
zu haben als er dann wiederkam und uns drei wie die Hühner auf der
Stange direkt vor den tanzenden Damen sitzen sah. Aus einem
gemeinsamen Foto mit den Damen wurde leider nichts mehr, denn sie waren
so schnell wieder weg wie sie gekommen waren. Das Spiel sollte bald
beginnen und pünktlich zum Abspielen der beiden Nationalhymnen
standen wir auf den Rängen. Die 300 Zuschauer nahmen ihre
Standposition ein und blickten auf die beiden Fahnen herauf. Beim
Einsetzen der Melodie wurde mir denn plötzlich von hinten mein
Cappy runtergerissen. Tja, es war der Ordner der meine absolute
Respektlosigkeit nicht dulden konnte und wollte, schließlich
gehört so etwas bei den Nationalhymnen nicht auf den Kopf.
Während der restlichen Hymnen-Zeremonie stand ich nun
andächtig mit Händen und Cappy hinter dem Rücken wie
alle anderen in Richtung Nationalfahnen und blickte erhobenen Hauptes
auf sie herauf, ganz so wie es sein muss. Jeder von uns wurde dann
während des Spiels noch zwei-drei Mal wegen irgendwelcher
Kleinigkeiten verwarnt. Ganz schön zäher Bursche, dieser
Ordner! Das Spiel wurde nach dem 1-1 im Rahmen der Drittel erst im
Penality entschieden, welches der Gastgeber überraschend für
sich entscheiden konnte. Der restliche Montag wurde im Auto verbracht,
denn es war ja noch die 3,5-stündige Rückfahrt zum Flughafen
in Kaunas zurückzulegen. Am frühen Morgen sollte von dort der
Flieger zurück nach Weeze starten. Der Flughafen selbst entpuppte
sich als absoluter Volltreffer. Wir hatten eine ganze Etage sowie
zahlreiche gepolsterte Bänke ohne Lehnen für uns und konnten
so zumindest noch ein wenig Schlaf bekommen. Am Dienstagvormittag
hatten uns dann unsere eigenen Betten wieder. Ein schöner
Wochenendausflug ging Zuende, hat Spaß gemacht!
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